Boreout erkennen: Wenn Unterforderung genauso erschöpft wie Überforderung

Was ist eigentlich Boreout? Einfach zu viel Langeweile?

Burnout kennen mittlerweile sehr viele Menschen. Dauerstress, Überforderung, Leistungs- und Zeitdruck, zu viel Verantwortung und das Gefühl, ständig funktionieren zu müssen, können irgendwann dazu führen, dass Körper und Psyche nicht mehr mitmachen.

Oft kommen noch innere Stressmuster hinzu: Perfektionismus, People Pleasing, ein starkes Verantwortungsgefühl oder der innere Anspruch, immer leisten und stark sein zu müssen.

Doch was passiert eigentlich am anderen Ende der Belastungsskala?

Was passiert, wenn nicht zu viel, sondern dauerhaft zu wenig gefordert wird?

Wenn Fähigkeiten nicht gebraucht werden, Arbeit keinen Sinn mehr vermittelt und acht Stunden plötzlich verdammt lang werden?

Dann fällt häufig der Begriff Boreout.

Was bedeutet Boreout?

Der Begriff leitet sich vom englischen to bore – sich langweilen – ab.

Boreout beschreibt einen Zustand länger andauernder Unterforderung, Langeweile, fehlender Herausforderung und mangelnder Sinnhaftigkeit, besonders im beruflichen Kontext.

Dabei geht es nicht darum, dass einmal ein ruhiger Arbeitstag dabei ist oder man sich eine Stunde langweilt.

Problematisch kann es werden, wenn Menschen über längere Zeit:

  • deutlich weniger gefordert werden, als ihren Fähigkeiten entsprechen würde,
  • kaum sinnvolle Aufgaben bekommen,
  • monotone oder als bedeutungslos empfundene Tätigkeiten ausführen,
  • ihre Fähigkeiten und Qualifikationen nicht einsetzen können,
  • keinen Gestaltungsspielraum erleben,
  • sich überflüssig oder nicht gebraucht fühlen,
  • keinen Sinn mehr in ihrer Tätigkeit erkennen.

Boreout ist allerdings keine eigenständige anerkannte psychische Erkrankung oder Diagnose.

Es gibt deshalb auch keine verbindlichen diagnostischen Kriterien. Der Begriff beschreibt vielmehr eine Belastungssituation beziehungsweise einen Komplex von Beschwerden, die mit chronischer Unterforderung und Langeweile zusammenhängen können.

Und trotzdem kann diese Belastung sehr real sein.

Ein Beispiel: Wenn der Traumjob plötzlich keiner mehr ist

Stell dir vor, du bewirbst dich auf eine Position, die laut Stellenbeschreibung ziemlich genau deinem Traumjob entspricht.

Du hast jahrelang Ausbildungen gemacht, Berufserfahrung gesammelt und viel Zeit und Energie investiert, um genau diese Tätigkeit ausüben zu können.

Und dann stellst du fest:

Du hast kaum etwas zu tun. Nicht ein bisschen weniger als erwartet. Sondern wirklich kaum etwas.

Deine Fähigkeiten werden nicht gebraucht. Aufgaben, auf die du dich gefreut hast, kommen nicht. Vielleicht bekommst du Tätigkeiten, die weit unter deinem Ausbildungs- oder Erfahrungsniveau liegen – oder du sitzt stundenlang vor einem Bildschirm und wartest darauf, dass irgendetwas passiert.

Am Anfang kann das sogar angenehm wirken.

Endlich weniger Stress. Endlich kein Zeitdruck. Aber irgendwann verändert sich etwas.

Du möchtest beschäftigt wirken. Du möchtest nützlich sein. Du möchtest keinen Grund liefern, weshalb dein vielleicht sogar gut bezahlter Arbeitsplatz infrage gestellt werden könnte.

„Es ist sicher nur eine Übergangsphase.“

„Bestimmt kommt bald mehr Arbeit.“

„Ich darf nur nicht zeigen, dass ich eigentlich nichts zu tun habe.“

Also entsteht langsam ein eigenes Konstrukt.

Aufgaben werden gestreckt.

Man beschäftigt sich länger mit Dingen, die eigentlich schnell erledigt wären.

Man öffnet Unterlagen, beantwortet Mails besonders ausführlich, wechselt zwischen Fenstern, versucht beschäftigt auszusehen oder sucht sich selbst Tätigkeiten.

Und gleichzeitig bleibt im Hintergrund die Angst:

Was passiert, wenn jemand merkt, dass ich eigentlich kaum Arbeit habe?

Genau dieses ständige Verbergen kann wiederum anstrengend werden.

Auch in Beschreibungen von Boreout findet sich dieses Phänomen: Manche Betroffene versuchen, hohe Auslastung vorzutäuschen, ziehen Tätigkeiten künstlich in die Länge oder wirken beschäftigt, obwohl tatsächlich zu wenig sinnvolle Arbeit vorhanden ist.

Boreout ist nicht Faulheit

Das ist eine wichtige Unterscheidung.

Ein Mensch mit Boreout möchte häufig durchaus arbeiten.

Das Problem ist nicht:

„Ich möchte nichts tun.“

Sondern eher:

„Ich möchte etwas Sinnvolles tun – aber ich kann meine Fähigkeiten hier nicht einsetzen.“

Menschen brauchen ein gewisses Maß an Herausforderung, Handlungsspielraum, Sinn und das Gefühl, etwas bewirken zu können.

Chronische Langeweile wird in der Forschung unter anderem mit negativer Stimmung, geringerer Handlungsorientierung und fehlender sinnvoller Beschäftigung in Verbindung gebracht.

Unterforderung kann daher genauso zu einer Belastung werden wie Überforderung – nur auf einem anderen Weg.

Boreout und Burnout – wo liegt der Unterschied?

Vereinfacht könnte man sagen:

Burnout:
zu viel Belastung, zu viel Druck, zu viele Anforderungen.

Boreout:
zu wenig Herausforderung, zu wenig sinnvolle Tätigkeit, zu wenig Möglichkeit, eigene Fähigkeiten einzusetzen.

Doch ganz so schwarz-weiß ist es nicht.

Denn beide Zustände können sich irgendwann erstaunlich ähnlich anfühlen.

Bei Burnout steht meist die Erschöpfung durch länger anhaltende Überlastung im Vordergrund. Das österreichische Gesundheitsportal nennt allerdings auch dauerhafte Unterforderung ausdrücklich als möglichen Belastungsfaktor im Burnout-Kontext.

Am Ende können sich daher bei beiden Entwicklungen Symptome zeigen wie:

  • Erschöpfung
  • innere Leere
  • Gereiztheit
  • Schlafprobleme
  • Konzentrationsprobleme
  • sinkende Motivation
  • sozialer Rückzug
  • Gefühle von Sinnlosigkeit
  • körperliche Stresssymptome

Der Weg dorthin kann jedoch unterschiedlich sein. Gerade bei Langeweile, Sinnverlust oder innerer Leere kann der Wunsch nach schneller Stimulation besonders stark werden.

Coping & Craving – wenn das System schnelle Entlastung sucht

Sowohl Überforderung als auch Unterforderung können dazu führen, dass wir nach schneller Entlastung, Ablenkung oder Belohnung suchen. Essen, Social Media, Shopping, Gaming, Alkohol, Nikotin oder andere Verhaltensweisen können dann kurzfristig helfen, innere Leere, Anspannung, Frust oder Erschöpfung weniger stark zu spüren. Solche Coping-Strategien sind zunächst Versuche, einen unangenehmen Zustand zu regulieren. Wird daraus jedoch ein immer stärkeres Craving – also ein intensives Verlangen nach genau dieser schnellen Entlastung –, lohnt es sich, genauer hinzuschauen, welches Bedürfnis eigentlich dahintersteht.
→ Weiterlesen: Craving & Coping – warum dein System nach schneller Erleichterung sucht

Wenn Unterforderung am Selbstwert nagt

Arbeit ist für viele Menschen mehr als ein monatliches Einkommen.

Sie kann auch bedeuten:

Ich kann etwas.
Ich werde gebraucht.
Ich trage etwas bei.
Meine Fähigkeiten haben einen Wert.

Wenn genau diese Erfahrung dauerhaft fehlt, kann das den Selbstwert beeinflussen.

Besonders schwierig kann es werden, wenn man gleichzeitig beobachten muss, wie andere Verantwortung übernehmen, Projekte bekommen oder ihre Fähigkeiten einsetzen dürfen, während das eigene Potenzial scheinbar ungenutzt bleibt.

„Offenbar braucht man mich gar nicht.“

„Vielleicht bin ich doch nicht so gut, wie ich dachte.“

„Warum habe ich eigentlich all diese Ausbildungen gemacht?“

„Was stimmt mit mir nicht, dass ich damit nicht zufrieden sein kann? Andere wären froh über so einen entspannten Job.“

Und damit beginnt oftmals ein weiterer Kreislauf:

Unterforderung → Frustration → Rückzug → weniger Initiative → noch weniger interessante Aufgaben → noch stärkere Unterforderung.

Auch dieser Mechanismus wird im Zusammenhang mit Boreout beschrieben.

Welche Rolle spielen innere Antreiber?

Und hier wird es besonders spannend. Denn Boreout entsteht nicht ausschließlich durch äußere Arbeitsbedingungen.

Auch unsere inneren Antreiber und Glaubenssätze beeinflussen, wie wir mit einer solchen Situation umgehen.

„Ich muss etwas leisten, um wertvoll zu sein.“

„Ich darf keine Schwäche zeigen.“

„Ich muss mich nützlich machen.“

„Wenn ich nichts leiste, bin ich faul.“

„Ich darf meinen Arbeitsplatz nicht gefährden.“

kann eine Situation chronischer Unterforderung besonders belastend erleben.

Objektiv ist zu wenig Arbeit vorhanden – innerlich herrscht trotzdem Druck.

Man sitzt vielleicht acht Stunden an einem Arbeitsplatz, an dem wenig passiert, und ist am Abend trotzdem erschöpft.

Nicht unbedingt von der Arbeit selbst.

Sondern vom ständigen Wachsamsein, Verbergen, Rechtfertigen, Warten und inneren Bewerten der Situation.

→ Interner Link: Innere Antreiber erkennen & Wege aus dem Stress

Und auch Glaubenssätze spielen hier eine Rolle. Wer seinen Selbstwert sehr stark mit Leistung verbindet, erlebt fehlende Aufgaben möglicherweise nicht nur als Langeweile, sondern als persönliche Abwertung.

→ Link: Glaubenssätze verstehen

Symptome: Wie kann sich Boreout zeigen?

Weil Boreout kein klar definiertes Krankheitsbild ist, gibt es keine verbindliche Symptomliste.

Im Zusammenhang mit chronischer Unterforderung werden jedoch unter anderem folgende Beschwerden beschrieben:

Psychisch

  • innere Leere
  • Frustration
  • Gereiztheit
  • zunehmendes Desinteresse
  • Motivationsverlust
  • Antriebslosigkeit
  • Gefühl von Sinnlosigkeit
  • sinkender Selbstwert
  • depressive Verstimmungen
  • sozialer Rückzug
  • Gefühl, nicht gebraucht zu werden

Körperlich

Möglich sind unter anderem:

  • Müdigkeit und Erschöpfung
  • Schlafstörungen
  • Verspannungen
  • Kopfschmerzen
  • Verdauungsbeschwerden
  • Konzentrationsprobleme
  • allgemeine Stresssymptome

Solche Beschwerden sind allerdings nicht spezifisch für Boreout.

Sie können viele unterschiedliche körperliche oder psychische Ursachen haben. Neue, starke, länger anhaltende oder unklare Beschwerden sollten deshalb ärztlich beziehungsweise entsprechend fachlich abgeklärt werden. Unter anderem können ähnliche Symptome auch bei Depressionen auftreten.

Wie erkenne ich, ob Unterforderung zum Problem wird?

Ein ruhiger Arbeitstag ist noch kein Boreout.

Auch Phasen mit weniger Arbeit gehören zu vielen Berufen.

  • Fühle ich mich regelmäßig unterfordert?
  • Nutze ich nur einen kleinen Teil meiner Fähigkeiten?
  • Fehlt mir Sinn in meiner Tätigkeit?
  • Bin ich am Arbeitsplatz häufig gelangweilt?
  • Tue ich so, als hätte ich mehr zu tun, als tatsächlich der Fall ist?
  • Ziehe ich Aufgaben künstlich in die Länge?
  • Fühle ich mich trotz geringer Arbeitsmenge am Abend erschöpft?
  • Habe ich das Gefühl, beruflich stillzustehen?
  • Sinkt mein Selbstwert durch meine Arbeitssituation?
  • Werde ich zunehmend gereizt, gleichgültig oder resigniert?
  • Wünsche ich mir eigentlich Veränderung, traue mich aber nicht, etwas zu verändern?

Je länger dieser Zustand anhält, desto sinnvoller ist es, genauer hinzuschauen.

Kann Boreout zu Burnout führen?

Hier lohnt sich eine differenzierte Antwort.

Boreout wird nicht automatisch irgendwann zu Burnout.

Es handelt sich auch nicht um zwei fest definierte Stadien derselben Erkrankung.

Aber dauerhafte Unterforderung kann selbst zu erheblichem Stress und Erschöpfung führen. Außerdem nennt das österreichische Gesundheitsportal dauerhafte Unterforderung ausdrücklich als einen möglichen Belastungsfaktor bei der Entstehung von Burnout.

So kann ein Mensch irgendwann körperlich und psychisch völlig erschöpft sein, obwohl der Auslöser nicht klassische Überlastung, sondern eine Kombination aus:

Unterforderung + Sinnverlust + innerem Druck + Unsicherheit + fehlender Anerkennung war.

Deshalb können sich Boreout und Burnout in ihren Folgen teilweise sehr ähnlich anfühlen.

→ Interner Link: Burnout erkennen: Warnzeichen, Ursachen und erste Schritte

Was kann bei Boreout helfen?

Der erste Schritt ist häufig, überhaupt anzuerkennen:

Unterforderung kann genauso belastend sein wie Überforderung.

Und danach ehrlich hinzuschauen:

Was genau fehlt mir?

Mehr Aufgaben? Mehr Verantwortung? Mehr Herausforderung? Mehr Sinn? Mehr Gestaltungsspielraum? Anerkennung? Entwicklungsmöglichkeiten?

Oder passt möglicherweise die gesamte Tätigkeit nicht mehr zu mir?

Manchmal kann bereits ein offenes Gespräch mit Vorgesetzten etwas verändern: neue Aufgaben, Projekte, Verantwortungsbereiche oder Weiterbildungsmöglichkeiten.

Manchmal ist die Situation allerdings strukturell so festgefahren, dass die Frage erlaubt sein muss:

Ist dieser Arbeitsplatz überhaupt noch der richtige für mich?

Und manchmal liegt ein Teil der Belastung zusätzlich in den eigenen Mustern:

Warum halte ich eine Situation jahrelang aus, obwohl sie mir nicht guttut?

Warum habe ich Angst, Bedürfnisse anzusprechen?

Warum verbinde ich meinen Wert so stark mit Leistung?

Warum fühlt sich Veränderung gefährlicher an als Unzufriedenheit?

Genau dort kann psychologische Beratung helfen, die eigenen Muster, Bedürfnisse und Handlungsmöglichkeiten klarer zu erkennen.

Unterforderung ist ebenfalls Stress

Stress entsteht nicht ausschließlich dann, wenn zu viel passiert.

Auch zu wenig Herausforderung, fehlender Sinn, mangelnde Kontrolle und dauerhafte Unsicherheit können das innere Gleichgewicht belasten.

Unser System braucht nicht permanent Höchstleistung.

Aber wir brauchen auch nicht völlige Unterforderung.

Gesund ist meist ein Bereich dazwischen:

Herausforderung ohne permanente Überforderung.
Erholung ohne dauerhafte Unterforderung.
Leistung ohne Selbstaufgabe.

Du erkennst dich darin wieder?

Wenn du merkst, dass dich deine berufliche Situation zunehmend erschöpft, dein Selbstwert darunter leidet oder du nicht weißt, ob du gerade Boreout, Burnout oder einfach eine festgefahrene Situation erlebst, kann es hilfreich sein, gemeinsam genauer hinzusehen.

In meiner psychologischen Beratung betrachten wir nicht nur die äußere Arbeitssituation, sondern auch die inneren Muster, Stressreaktionen und Bedürfnisse, die damit zusammenhängen.

Psychologische Beratung in 1220 Wien, Klosterneuburg und online.

Weiterführende Artikel

Burnout erkennen: Warnzeichen, Ursachen und erste Schritte

Innere Antreiber: Wie sie Stress erzeugen – und was hilft

Stressmanagement: Warum dein Körper reagiert und was wirklich hilft

Hypervigilanz: Symptome, Ursachen und Wege aus dem Dauer-Alarm

Hochsensibilität erkennen: Merkmale, Empathie und Stress


Fachliche Einordnung / Quellen

  • Österreichisches Gesundheitsportal: Burnout
  • AOK Gesundheitsmagazin: Boreout-Syndrom – Wenn Langeweile krank macht
  • Westgate & Wilson: Forschung zu Langeweile und fehlender sinnvoller Beschäftigung
  • Literaturübersichten zu chronischer Langeweile und Boreout

Das österreichische Gesundheitsportal führt dauerhafte Unterforderung als möglichen Belastungsfaktor im Zusammenhang mit Burnout an. Die AOK weist zugleich darauf hin, dass Boreout keine anerkannte psychische Diagnose ist und die wissenschaftliche Forschung dazu bislang deutlich weniger etabliert ist als beispielsweise zu Depression oder arbeitsbezogenem Stress.

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